Das Wichtigste in Kürze:
- Das Open Knowledge Format (OKF) ist eine offene Spezifikation von Google Cloud, die Wissen als Sammlung von Markdown-Dateien mit YAML-Frontmatter ablegt, damit KI-Agenten es lesen und nutzen können (Google Cloud, 12. Juni 2026).
- OKF ist die Formalisierung des sogenannten LLM-Wiki-Musters, das der KI-Forscher Andrej Karpathy geprägt hat. Die Grundidee: Ein Wissensspeicher, den Menschen pflegen und KI-Agenten selbstständig lesen und aktualisieren.
- OKF ist kein Web-Standard für die Google-Suche. Googlebot liest keine OKF-Bundles. Für klassisches SEO ändert sich dadurch zunächst nichts (SEO-Südwest, Juni 2026).
- Der eigentliche Wert liegt im Context Engineering: KI-Systeme liefern nur dann gute Ergebnisse, wenn sie den richtigen Kontext bekommen. OKF ist ein Werkzeug, um diesen Kontext sauber zu organisieren.
- Für Marketing-Teams ist OKF vor allem intern interessant: als strukturierter Wissensspeicher für Briefings, Markenrichtlinien, Kampagnen-Learnings und Kundendaten, auf den KI-Agenten konsistent zugreifen.
Was beim Open Knowledge Format wirklich passiert ist
Foundation Models wie GPT, Gemini oder Claude haben ein bekanntes Problem: Sie wissen viel Allgemeines, aber nichts über das Innenleben eines bestimmten Unternehmens. Sie kennen nicht die Bedeutung einer internen Kennzahl, nicht die Logik hinter einem Prozess, nicht die Historie einer Kampagne. Dieses Wissen liegt verstreut in Wikis, Tabellen, E-Mails, Code-Kommentaren und in den Köpfen einzelner Mitarbeiter.
Genau hier setzt OKF an. Google Cloud beschreibt das Format als vendor-neutralen Standard, der dieses verstreute Wissen in eine einheitliche, maschinenlesbare Form bringt (Google Cloud, 12. Juni 2026). Die Idee ist nicht neu. Neu ist, dass ein großer Anbieter sie in eine offene Spezifikation gießt, die jeder nutzen kann.
Sam McVeety und Amir Hormati, die beiden Google-Tech-Leads hinter der Ankündigung, formulieren den Kern so: Was fehlt, ist kein weiterer Dienst, sondern ein Format. Eine Art, Wissen so abzulegen, dass jeder es ohne Spezialsoftware lesen, schreiben und weitergeben kann (Google Cloud, 12. Juni 2026).
Wie OKF technisch funktioniert
Die Spezifikation ist bewusst simpel gehalten. Sie passt nach Google-Angaben auf eine einzige Bildschirmseite. Im Kern besteht ein OKF-Bundle aus drei Dingen (Google, OKF SPEC v0.1):
- Nur Markdown. Jede Wissenseinheit ist eine Markdown-Datei, lesbar in jedem Editor, darstellbar auf GitHub, indexierbar von jedem Suchwerkzeug.
- Nur Dateien. Ein Bundle ist ein Ordner. Versendbar als Archiv, speicherbar in jedem Git-Repository, einbindbar in jedes Dateisystem.
- Nur YAML-Frontmatter. Ein kleiner strukturierter Kopfbereich pro Datei für die Felder, die abfragbar sein müssen: Typ, Titel, Beschreibung, Ressource, Tags und Zeitstempel.
Jede Datei steht für ein Konzept. Das kann eine Tabelle sein, eine Kennzahl, ein Prozess, eine API. Der Dateipfad ist die Identität des Konzepts. Die Dateien verlinken sich gegenseitig mit normalen Markdown-Links, wodurch aus dem Ordner ein Netz von Beziehungen wird.
Ein vereinfachtes Beispiel für die Struktur eines solchen Bundles:
sales/
├── index.md
├── datasets/
│ └── orders_db.md
├── tables/
│ ├── orders.md
│ └── customers.md
└── metrics/
└── weekly_active_users.md
Zwei besondere Dateinamen sind reserviert: index.md gibt einen Überblick über einen Ordner, damit ein Agent sich schrittweise vorarbeiten kann. log.md hält die Änderungen chronologisch fest. Alles andere sind Konzept-Dateien (Google, OKF SPEC v0.1).
Die einzige Pflichtangabe pro Konzept ist ein type-Feld. Alles Weitere bleibt dem Ersteller überlassen. Das ist die zentrale Designentscheidung: OKF definiert nur so viel, wie nötig ist, damit verschiedene Systeme dasselbe Wissen lesen können. Nicht mehr.
Das eigentliche Thema dahinter: Context Engineering
Um zu verstehen, warum OKF wichtig ist, muss man ein Konzept verstehen, das gerade die KI-Welt bewegt: Context Engineering.
Context Engineering heißt: Ein KI-Modell ist nur so gut wie der Kontext, den es bekommt. Das beste Sprachmodell liefert schlechte Antworten, wenn es die falschen oder unvollständigen Informationen hat. Es liefert hervorragende Antworten, wenn der Kontext stimmt. Die Disziplin, diesen Kontext gezielt aufzubereiten und bereitzustellen, ist Context Engineering.
Das ist die Weiterentwicklung von dem, was vor zwei Jahren Prompt Engineering hieß. Beim Prompt Engineering ging es darum, die richtige Frage zu formulieren. Beim Context Engineering geht es darum, dem Modell das richtige Wissen mitzugeben, bevor es überhaupt arbeitet. Bei agentischen KI-Systemen, die mehrere Schritte selbstständig ausführen, ist das der entscheidende Hebel.
OKF ist ein Werkzeug für Context Engineering. Es löst die Frage: Wie lege ich das Wissen ab, das meine KI-Agenten brauchen, damit sie es zuverlässig finden und nutzen können? Andrej Karpathy, früher bei OpenAI und Tesla, hat das zugrunde liegende Muster als LLM-Wiki beschrieben. Sein Argument: Sprachmodelle werden nicht müde, vergessen keine Querverweise und können 15 Dateien in einem Durchgang anfassen. Genau die Buchhaltung, an der Menschen bei persönlichen Wikis scheitern, ist das, was KI-Systeme gut können (zitiert nach Google Cloud, 12. Juni 2026).
Was OKF
NICHT ist
Jetzt kommt der Teil, der in der aktuellen Begeisterung oft untergeht.
Und der für Marketing-Verantwortliche wichtiger ist als alle technischen Details.
OKF ist kein Web-Standard für die Google-Suche.
Es ist verlockend zu denken: Google veröffentlicht ein Format für KI-lesbares Wissen, also muss ich das jetzt auf meiner Website einsetzen, damit ich in der KI-Suche besser gefunden werde. Das ist falsch.
OKF ist zunächst ein internes Format für Datenteams. Es lebt im eigenen Repository oder Data Warehouse und füttert die eigenen Agenten. Es wird nicht von Googlebot oder GPTBot eingelesen, um Suchergebnisse oder KI-Antworten zu erzeugen (SEO-Südwest, Juni 2026). OKF ist ein internes Wissensformat, kein Ranking-Faktor.
Was OKF für Marketing-Teams konkret bedeutet
Wenn OKF kein direkter SEO-Hebel ist, warum sollte sich ein Marketing-Verantwortlicher dann damit beschäftigen? Weil der interne Nutzen real ist.
Jedes Marketing-Team häuft über die Jahre Wissen an. Markenrichtlinien, Tonalitätsvorgaben, Kampagnen-Auswertungen, Zielgruppen-Personas, Keyword-Maps, frühere Analysen, Kundenhistorien. Dieses Wissen liegt meist verstreut in PowerPoints, PDFs, internen Wikis und E-Mail-Verläufen. Wenn ein neues Teammitglied anfängt oder ein KI-Agent eine Aufgabe übernehmen soll, muss dieses Wissen jedes Mal neu zusammengesucht werden.
OKF bietet eine Möglichkeit, dieses Wissen so abzulegen, dass sowohl Menschen als auch KI-Agenten konsistent darauf zugreifen. Ein KI-Agent, der einen Social-Media-Post schreiben soll, liest zuerst die Markenrichtlinie aus dem Bundle und hält sich daran. Ein Agent, der eine Kampagne auswertet, kennt die Definitionen der relevanten Kennzahlen, weil sie im Bundle stehen. Das ist ein Gewinn an Konsistenz und Tempo in der eigenen Arbeit (SEO-Südwest, Juni 2026).
Der Zusammenhang mit GEO ist indirekt, aber er existiert. GEO belohnt dasselbe Prinzip, das hinter OKF steckt: Wissen maschinell lesbar, sauber strukturiert, mit klaren Quellen. Wer lernt, sein internes Wissen so zu organisieren, dass KI-Systeme es gut verarbeiten können, entwickelt genau die Fähigkeit, die auch für die externe Sichtbarkeit in KI-Antworten zählt.
Fünf realistische Anwendungsfälle
Aus Marketing-Sicht sind das die Szenarien, in denen ein OKF-Bundle heute schon sinnvoll sein kann:
- 1. Zentrale Markenrichtlinie für KI-Agenten.
Tonalität, verbotene Begriffe, bevorzugte Formulierungen, Beispiele. Ein KI-Agent, der Texte schreibt, liest diese Datei zuerst und produziert markenkonforme Inhalte, ohne dass die Vorgaben jedes Mal neu erklärt werden müssen. - 2. Konsistente Kennzahlen-Definitionen.
Was genau bedeutet bei uns „aktiver Kunde“? Wie wird der ROAS berechnet? Wenn diese Definitionen in einem Bundle stehen, geben KI-Agenten und Teammitglieder konsistente Antworten, statt sich auf unterschiedliche Auslegungen zu stützen. - 3. Kampagnen-Wissensspeicher.
Was hat in welcher Kampagne funktioniert, was nicht? Ein chronologisches log.md hält die Learnings fest. Ein KI-Agent, der eine neue Kampagne plant, greift auf die Historie zu, statt bei null anzufangen. - 4. Kundenspezifische Bundles in Agenturen.
Wer als Agentur für mehrere Kunden arbeitet, kann pro Kunde ein Bundle mit Briefings, Richtlinien und früheren Analysen pflegen. Ein Agent beantwortet Fragen zu einem Kunden konsistent und greift auf denselben Wissensstand zurück. - 5. Onboarding-Wissen für neue Mitarbeiter.
Dieselbe Wissensbasis, die KI-Agenten nutzen, hilft auch neuen Teammitgliedern. Markdown ist von Menschen lesbar. Ein gut gepflegtes Bundle ist gleichzeitig Agenten-Kontext und Einarbeitungsmaterial.
Sollte ich jetzt handeln?
Die ehrliche Antwort: kommt darauf an, wo Ihr Unternehmen steht.
OKF ist in Version 0.1 erschienen. Google selbst nennt es einen Startpunkt, kein fertiges Format. Es wird sich weiterentwickeln, je mehr Anbieter und Anwender es nutzen (Google Cloud, 12. Juni 2026). Wer heute nicht mit KI-Agenten arbeitet, muss nicht sofort ein OKF-Bundle bauen. Das wäre eine Lösung für ein Problem, das man noch nicht hat.
Wer dagegen bereits KI-Agenten in Arbeitsabläufe integriert oder das plant, sollte das Format kennen. Nicht weil es ein SEO-Vorteil ist, sondern weil es die Grundlage für verlässliche KI-Ergebnisse legt. Der erste Schritt ist klein: Ein einzelnes Bundle für einen konkreten Anwendungsfall, zum Beispiel die Markenrichtlinie. Daraus lässt sich lernen, ob das Format für das eigene Team funktioniert.
Was sich auf jeden Fall lohnt: das Prinzip dahinter zu verinnerlichen. Context Engineering, also die Fähigkeit, KI-Systemen das richtige Wissen sauber strukturiert bereitzustellen, wird in den nächsten Jahren eine der wichtigsten Kompetenzen im digitalen Marketing. OKF ist eine konkrete Ausprägung davon. Es wird nicht die letzte sein.
Häufige Fragen
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Quellen
- Google Cloud: „Introducing the Open Knowledge Format.“ Google Cloud Blog, 12. Juni 2026. Autoren: Sam McVeety, Amir Hormati.
- Google Cloud Platform: „Open Knowledge Format (OKF), SPEC.md, Version 0.1 Draft.“ GitHub, Juni 2026.
- Marie Haynes: Statement zum Open Knowledge Format auf X, Juni 2026.
- Andrej Karpathy: „LLM Wiki“ (zugrunde liegendes Muster, zitiert nach Google Cloud).
- SEO-Südwest: „Google stellt das Open Knowledge Format (OKF) vor“, Juni 2026. Einordnung für SEO.
- Google Search Central Live Toronto, April 2026: Aussagen zu Markdown und llms.txt im SEO-Kontext.